… und die Frauen?

„Der Mann mit seinen besonderen Eigenschaften Mut und Stärke soll und wird der Frau Schutz, Nahrung und Führung gewähren und die Frau, deren positive Attribute Selbstverleugnung, Schönheit, Mitgefühl, Scharfblick und Zärtlichkeit sind, soll und wird ihrem Manne Gehorsam, Lust, Beistand, Bestätigung und Rat sein bzw. schenken und ihn immer mit der Ehrfurcht behandeln, die ihm gebührt.“

Diese Rollenzuweisung wird bei einer standesamtlichen Heirat verlesen, sofern nicht  ausdrücklich gewünscht wird, dass darauf verzichtet werden soll.

Bis 2007 konnte in Oaxaca ein Ehemann, der seine Frau wegen „Untreue“ ermordet hatte, auch mit Straffreiheit rechnen – falls es überhaupt zu einer Strafverfolgung kam.

Das sind Auszüge des rechtlichen Rahmens, den der mexikanische Staat „vorgibt“. Und was haben wir auf unserer Reise über die Indígena-Frauen und deren Lebensweise erfahren?

Lachixila. Fünf Uhr morgens ertönt durch den Dorflautsprecher ein lauter Gong. Das Zeichen für die Frauen, dass die dörfliche Maismühle in Betrieb genommen wird. Jede Frau bringt einen Eimer mit ihrem Tagesbedarf an Mais, welcher am Vortag mit Kalk eingeweicht wurde, zur Nassmühle. Die gemahlene Masse wird vor Ort kurz durchgeknetet und wieder mit nach Hause genommen. So ist der Tortillateig für den ganzen Tag vorbereitet.

Zu Hause wird nun Feuer gemacht, die Kinder geweckt und diese für die Schule vorbereitet. Es ist fast ein Wunder, wie die Kleinen bei den lehmigen Wegen immer sauber daherkommen, da die Schuluniform aus weißer Bluse bzw. weißem Hemd, weißen Strümpfen und sauberen Schuhen besteht. Hiernach steht die Vorbereitung des Essens für den Mann an, welcher oft weit weg auf dem Feld arbeitet. Der übliche, und im Vergleich mit unseren Verhältnissen körperlich viel beschwerlichere Arbeitsalltag der Frauen geht danach weiter. Denn Strom gibt es so gut wie keinen in Privathaushalten, es sei denn, die Familien verfügen über Aggregate, Photovoltaikzellen oder Batterien. Sprich: Es gibt weder eine Waschmaschine noch sonstige elektrische Haushaltsgeräte.

Es ist aus der Tradition heraus selbstverständlich, dass die Frauen sich in das Leben in der Familie und überhaupt in die sozialen Belange in der Familien- und Dorfgemeinschaft einfügen. Wir erfuhren aber von Niels Barmeyer, der als Fachkraft bei der UNOSJO arbeitet, dass die Frauen in den indigenen Gemeinden meistens gar nicht standesamtlich verheiratet sind, sondern die Ehen nach indigenem Recht und Brauch geschlossen werden. Trotzdem, uns schien es so, als würden die Frauen überhaupt nur über ihren Ehemann im Ort wahrgenommen. Wir erfuhren auf dem Forum in San Gertrudis, dass eine Entscheidung von Frauen für ein Leben außerhalb des Dorfes oft gar nicht möglich ist, weil dafür häufig die Ausbildung bzw. auch oft die spanischen Sprachkenntnisse fehlen. In den Familien in Lachixila wird beispielsweise mehrheitlich zapotekisch gesprochen.

Lachixilas Frauen bringen sich bei Festen ins öffentliche Dorfleben ein, indem sie gemeinsam das Festessen zubereiten und auch noch zusätzlich Tortillas von zu Hause mitbringen. Beim anschließenden Festessen werden zuerst die Männer, danach die Alten und Kinder verköstigt. Zum Schluss bleiben dann den Frauen die Reste des Festessens.

Ein Stück Land zu pachten oder gar zu kaufen, so hörten wir, ist für die Frauen weder möglich noch erlaubt. Einzig, wenn eine Frau jung verwitwet ist, kann sie über das Land ihres verstorbenen Mannes verfügen, bis der älteste Sohn 18 Jahre alt wird. Dann fällt das Land wieder an die patriarchale Linie der Familie zurück. Nur die wenigen Lehrerinnen im Dorf haben ein eigenes Einkommen, sie kommen jedoch alle aus der Stadt.

Unser Eindruck aus den beiden Tagen in Lachixila ist, dass die Frauen im Dorf nur eine geringe Wertschätzung in Familie und Dorfgemeinschaft erfahren. Auf dem Forum hörten wir, dass diese Geringschätzung dann häufig in häuslicher Gewalt gipfelt, was bedeutet, dass es nicht ungewöhnlich ist, dass die Frauen von ihren Ehemännern geprügelt oder vergewaltigt werden. Eine weitere Bevormundung und für uns nicht nachvollziehbare Abwertung ist es, wenn ein Ehemann bestimmen kann, dass die Ehefrau während ihrer Monatsblutung das Haus nicht verlassen darf.

Uns Autorinnen könnte ein relativ abgeschiedenes Leben in einer wunderschönen Umgebung, so wie in Lachixila, kein Ersatz oder Trost für ein Dasein in Freiheit sein, so wie wir es weitestgehend leben können. Allerdings steht auch in Lachixila, in der Sierra Juárez beziehungsweise im ganzen Land Mexiko die Zeit nicht still. Bei unserem Aufenthalt in Lachixila haben wir auch Männer gesehen, die Zwiebeln schälten.

Die UNOSJO arbeitet beispielsweise gemeinsam mit den Gemeinden am Thema der Frauenrechte. Wir hoffen sehr, dass diese Arbeit erfolgreich ist.

Susanne Groeber, Birgit Rieger, Ursula Schabel, Doris Steidle

Eine Antwort zu „… und die Frauen?“

  1. Dirk sagt:

    Auf vielfachen Wunsch setze ich hier die kurze Geschichte, die ich in Lachixila erzählte als Textversion in den Blog. Nachdem ich (natürlich zusammen mit Gerold unserem genialen, unermüdlichen Übersetzer, dem kein Begriff zu krumm, kein Wort zu schräg war, um es ins Spanische zu bringen) “Rumpelstilzchen” vorgetragen hatte, was die Kinder und Leute dort sichtlich beeindruckte, wollte ich noch etwas in indigenen Bildern zum besten geben…
    (vielleicht ist das so etwas wie die “Geschichte unserer Reise”)

    Sternmädchen

    Diese Indianergeschichte ereignete sich vor langer, langer Zeit. Vielleicht hier in Lachixila, vielleicht auch woanders, ich weiß es nicht!
    Da kam ein Indiomädchen auf die Welt, das war so schön, dass es seine Mutter „Sternmädchen“ nannte. Sternmädchen lernte bald Tortillas backen und Decken weben. Die Leute im Dorf und in der Umgebung sagten, Sternmädchen bäckt Tortillas so rund und gelb wie der Mond und webt Decken so weich und fein wie das Moos im Wald. Und die Tiere im Wald sagten untereinander: Hast du schon vom schönen Sternmädchen gehört? Sie bäckt Tortillas so rund und gelb wie der Mond und webt Decken so weich und fein wie das Moos im Wald! Und auch die Vögel zwitscherten untereinander: Hast du schon vom schönen Sternmädchen gehört? Sie bäckt Tortillas so rund und gelb wie der Mond und webt Decken so weich und fein wie das Moos im Wald! Sogar die Fische im Fluss raunten: Hast du schon vom schönen Sternmädchen gehört? Sie bäckt Tortillas so rund und gelb wie der Mond, und webt Decken so weich und fein wie das Moos im Wald!
    Als Sternmädchen älter und noch schöner geworden war, verliebte sie sich in einen jungen Indianer im Dorf. Er trug immer eine weiße Kalebasse bei sich und sonst interessierte ihn gar nichts. Der sprach zu Sternmädchen: Scher dich fort! Ich brauch dich nicht, ich habe meine weiße Kalebasse!
    Da war Sternmädchen so traurig, dass sie sich in den gelben Schmetterling verwandelte. So fliegt sie von Blüte zu Blüte und schaut, ob der Indio vielleicht die weiße Kalebasse weggeworfen und seine Meinung geändert hat. Dann nämlich wäre Sternmädchen wieder die schöne Indianerin, die Tortillas bäckt so rund und gelb wie der Mond und Decken webt so weich und fein wie das Moos im Wald. Und die Tiere im Wald, die Vögel im Himmel und sogar die Fische im Fluss würden sich wieder erzählen: Hast du schon gehört? Sternmädchen ist wieder da! Sie bäckt Tortillas so rund und gelb wie der Mond, und webt Decken so weich und fein wie das Moos im Wald! – Und das ist die Wahrheit!

    Aber ein bißchen habe ich doch gelogen! Denn das ist gar keine Indianergeschichte, sondern ich habe sie mir hier in der Sierra Juarez ausgedacht, als Geschenk an euch. Und ihr könnt mir helfen! Wenn ihr die Geschichte nicht vergesst und weiter erzählt, dann wird es vielleicht eine richtige Indianergeschichte und ich habe nicht ganz so sehr gelogen.

    (In dieser Geschichte versuche ich meine Eindrücke in der Sierra Juarez zum Ausdruck zu bringen, zum Beispiel: Den großen gelben Schmetterling gibt es hier tatsächlich. Wir sahen ihn häufig an Quellen und feuchten Stellen oder zwischen den Pflanzen herum flattern. Wie alle Schmetterlinge hier in der Sierra ließ er sich schlecht fotografieren – dazu hätte man mehr Zeit gebraucht. Die weiße Kalebasse soll eine Anspielung auf die im Blog schon andernorts angesprochenen Bemerkungen zum Geschlechterverhältnis sein, wobei oft auch der Alkohol eine Rolle spielt. Dieser ist deshalb z. B. in Lachixila normalerweise verboten.)
    Dirk, am 16. Feb. 2010

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