Auf vielfachen Wunsch setze ich hier die kurze Geschichte, die ich in Lachixila erzählte als Textversion in den Blog. Nachdem ich (natürlich zusammen mit Gerold unserem genialen, unermüdlichen Übersetzer, dem kein Begriff zu krumm, kein Wort zu schräg war, um es ins Spanische zu bringen) “Rumpelstilzchen” vorgetragen hatte, was die Kinder und Leute dort sichtlich beeindruckte, wollte ich noch etwas in indigenen Bildern zum besten geben…
(vielleicht ist das so etwas wie die “Geschichte unserer Reise”)
Sternmädchen
Diese Indianergeschichte ereignete sich vor langer, langer Zeit. Vielleicht hier in Lachixila, vielleicht auch woanders, ich weiß es nicht!
Da kam ein Indiomädchen auf die Welt, das war so schön, dass es seine Mutter „Sternmädchen“ nannte. Sternmädchen lernte bald Tortillas backen und Decken weben. Die Leute im Dorf und in der Umgebung sagten, Sternmädchen bäckt Tortillas so rund und gelb wie der Mond und webt Decken so weich und fein wie das Moos im Wald. Und die Tiere im Wald sagten untereinander: Hast du schon vom schönen Sternmädchen gehört? Sie bäckt Tortillas so rund und gelb wie der Mond und webt Decken so weich und fein wie das Moos im Wald! Und auch die Vögel zwitscherten untereinander: Hast du schon vom schönen Sternmädchen gehört? Sie bäckt Tortillas so rund und gelb wie der Mond und webt Decken so weich und fein wie das Moos im Wald! Sogar die Fische im Fluss raunten: Hast du schon vom schönen Sternmädchen gehört? Sie bäckt Tortillas so rund und gelb wie der Mond, und webt Decken so weich und fein wie das Moos im Wald!
Als Sternmädchen älter und noch schöner geworden war, verliebte sie sich in einen jungen Indianer im Dorf. Er trug immer eine weiße Kalebasse bei sich und sonst interessierte ihn gar nichts. Der sprach zu Sternmädchen: Scher dich fort! Ich brauch dich nicht, ich habe meine weiße Kalebasse!
Da war Sternmädchen so traurig, dass sie sich in den gelben Schmetterling verwandelte. So fliegt sie von Blüte zu Blüte und schaut, ob der Indio vielleicht die weiße Kalebasse weggeworfen und seine Meinung geändert hat. Dann nämlich wäre Sternmädchen wieder die schöne Indianerin, die Tortillas bäckt so rund und gelb wie der Mond und Decken webt so weich und fein wie das Moos im Wald. Und die Tiere im Wald, die Vögel im Himmel und sogar die Fische im Fluss würden sich wieder erzählen: Hast du schon gehört? Sternmädchen ist wieder da! Sie bäckt Tortillas so rund und gelb wie der Mond, und webt Decken so weich und fein wie das Moos im Wald! – Und das ist die Wahrheit!
Aber ein bißchen habe ich doch gelogen! Denn das ist gar keine Indianergeschichte, sondern ich habe sie mir hier in der Sierra Juarez ausgedacht, als Geschenk an euch. Und ihr könnt mir helfen! Wenn ihr die Geschichte nicht vergesst und weiter erzählt, dann wird es vielleicht eine richtige Indianergeschichte und ich habe nicht ganz so sehr gelogen.
(In dieser Geschichte versuche ich meine Eindrücke in der Sierra Juarez zum Ausdruck zu bringen, zum Beispiel: Den großen gelben Schmetterling gibt es hier tatsächlich. Wir sahen ihn häufig an Quellen und feuchten Stellen oder zwischen den Pflanzen herum flattern. Wie alle Schmetterlinge hier in der Sierra ließ er sich schlecht fotografieren – dazu hätte man mehr Zeit gebraucht. Die weiße Kalebasse soll eine Anspielung auf die im Blog schon andernorts angesprochenen Bemerkungen zum Geschlechterverhältnis sein, wobei oft auch der Alkohol eine Rolle spielt. Dieser ist deshalb z. B. in Lachixila normalerweise verboten.)
Dirk, am 16. Feb. 2010